Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Die Abhängigkeit von fossiler Energie ist kein reines Umweltproblem, sondern das Fundament unseres globalen Betriebssystems, dessen Demontage eine historische Herausforderung darstellt.

  • Geopolitische Machtkämpfe, von historischen Ölkriegen bis zu neuen Abhängigkeiten, sind direkte Folgen dieser „fossilen DNA“.
  • Systemische Trägheit, Pfadabhängigkeiten und finanzielle Interessen in Milliardenhöhe blockieren einen schnellen, wirksamen Wandel.

Empfehlung: Der Ausstieg erfordert nicht nur technologischen Fortschritt, sondern einen fundamentalen systemischen und politischen Umbau, der die Macht der fossilen Lobby bricht.

Täglich prasseln die Nachrichten auf uns ein: explodierende Energiepreise, diplomatische Krisen um Gaspipelines, alarmierende Hitzerekorde und verheerende Unwetter. Es ist leicht, sich von dieser Flut an Einzelereignissen überfordert zu fühlen. Oft lautet der simple Ratschlag, einfach auf erneuerbare Energien umzusteigen, als wäre es das Austauschen einer Glühbirne. Doch diese Sichtweise verkennt die schiere Tiefe des Problems. Unsere moderne Welt ist nicht nur von fossilen Brennstoffen abhängig – sie wurde buchstäblich um sie herum konstruiert. Ihre Logik durchdringt unsere Wirtschaft, unsere Infrastruktur, unsere Politik und sogar unsere Alltagsgewohnheiten.

Dieser Artikel blickt hinter die Schlagzeilen und legt die „fossile DNA“ unserer Zivilisation frei. Als Historiker und Geopolitik-Analyst argumentiere ich, dass wir es nicht mit einem simplen technischen, sondern mit einem tiefgreifenden systemischen Problem zu tun haben. Die wahre Herausforderung liegt nicht darin, Windräder zu bauen, sondern darin, die gewaltige systemische Trägheit zu überwinden, die aus über einem Jahrhundert an Investitionen, Infrastruktur und geopolitischem Kalkül entstanden ist. Wir werden die physikalischen Realitäten des Klimawandels beleuchten, die blutige Geschichte der Ressourcenkriege nachzeichnen und analysieren, warum selbst wohlmeinende politische Instrumente oft an der Macht festgefahrener Interessen scheitern.

Für eine vertiefende Perspektive bietet das folgende Video von Harald Lesch eine kritische Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Energiewende und ergänzt die hier dargelegten Analysen.

Um die komplexen Zusammenhänge unserer fossilen Abhängigkeit zu verstehen, gliedert sich dieser Artikel in mehrere Schlüsselbereiche. Von der grundlegenden Wissenschaft über die geopolitischen Kosten bis hin zu den politischen und finanziellen Machtstrukturen, die den Status quo zementieren, werden wir das Problem in seiner ganzen Tragweite analysieren.

Inhaltsverzeichnis: Die Anatomie einer globalen Abhängigkeit

Die einfache Physik des Klimawandels: Warum die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas die Erde aufheizt

Die Grundlage unserer misslichen Lage ist eine simple, aber unerbittliche physikalische Tatsache: Die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas setzt riesige Mengen an Kohlendioxid (CO2) und anderen Treibhausgasen in die Atmosphäre frei. Diese Gase legen sich wie eine Decke um die Erde und verhindern, dass Wärme ins All entweicht – der sogenannte Treibhauseffekt. Seit Beginn der industriellen Revolution haben wir die Konzentration dieser Gase auf ein Niveau getrieben, das es seit Hunderttausenden von Jahren nicht mehr gab. Die Konsequenz ist eine globale Erwärmung, die keine abstrakte Zukunftsvision, sondern bereits heute eine messbare und zerstörerische Realität ist.

Die fossilen Brennstoffe sind dabei der überwältigende Hauptverursacher. Analysen zeigen, dass rund 89% der weltweiten CO2-Emissionen direkt aus der Nutzung dieser Energieträger stammen. Das ist keine Nebensächlichkeit, sondern der Kern des Problems. Die Folgen dieser Erwärmung sind keine fernen Bedrohungen mehr, sondern manifestieren sich in Form von Extremwetterereignissen mit dramatischer Härte, wie die Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 auf tragische Weise gezeigt hat.

Fallstudie: Die Ahrflut 2021 und der Preis des Klimawandels

Die verheerenden Sturzfluten im Juli 2021 verursachten allein in Deutschland Gesamtschäden von über 40 Milliarden Euro. Eine wissenschaftliche Schadensanalyse des Ereignisses kam zu dem Schluss, dass ein signifikanter Teil dieser Schäden direkt auf den menschengemachten Klimawandel zurückzuführen ist. Die Studie zeigt auf, dass sich die Wahrscheinlichkeit für solch extreme Niederschlagsereignisse durch die globale Erwärmung drastisch erhöht hat, was die abstrakte Gefahr des Klimawandels in konkrete, untragbare Kosten für unsere Gesellschaft übersetzt.

Das Narrativ, der Klimawandel sei ein langsamer, schleichender Prozess, erweist sich damit als gefährliche Fehleinschätzung. Die Realität sind abrupte, katastrophale Ereignisse, deren Häufigkeit und Intensität mit jedem weiteren Zehntelgrad Erwärmung zunehmen. Die physikalische Kausalkette ist eindeutig: Fossile Emissionen führen zur Erwärmung, die Erwärmung führt zur Katastrophe.

Blut für Öl: Die dunkle Seite unserer Abhängigkeit und ihre geopolitischen Kosten

Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist weit mehr als eine ökologische oder technische Frage; sie ist seit über einem Jahrhundert ein zentraler Treiber globaler Konflikte. Der Begriff „Blut für Öl“ ist keine bloße Polemik, sondern eine historische Realität. Von den Interventionen im Nahen Osten zur Sicherung von Ölquellen bis hin zu den aktuellen Spannungen um Gaspipelines – der Zugang zu und die Kontrolle über fossile Energieressourcen formen die internationale Politik und führen immer wieder zu Instabilität und Gewalt. Diese „fossile DNA“ ist tief in unserem geopolitischen System verankert.

Für ein Land wie Deutschland, das arm an eigenen fossilen Rohstoffen, aber reich an Industrie ist, bedeutet diese Abhängigkeit eine strukturelle Verwundbarkeit. Die Energiekrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine hat diese Achillesferse schonungslos offengelegt. Jahrelang wurde die Abhängigkeit von russischem Gas im Namen billiger Energie und wirtschaftlicher Vernunft ausgebaut, während Warnungen vor den geopolitischen Risiken ignoriert wurden. Dieses strategische Versäumnis ist ein Lehrbuchbeispiel für die Pfadabhängigkeit, die entsteht, wenn kurzfristige ökonomische Vorteile über langfristige strategische Sicherheit gestellt werden.

Symbolische Darstellung der geopolitischen Verstrickungen durch Energieabhängigkeit

Das Labyrinth der Pipelines, Tankerrouten und Lieferverträge bildet ein globales Machtnetz, in dem autokratische Regime ihre Ressourcen als Waffe einsetzen können. Solange unsere Volkswirtschaften am Tropf von Öl- und Gasimporten hängen, bleiben wir erpressbar und werden in die Logik von Ressourcenkonflikten hineingezogen. Selbst Konzerne, die sich öffentlich zu einer kohlenstoffarmen Zukunft bekennen, basieren ihr Geschäftsmodell weiterhin fast vollständig auf diesem alten System. So bestehen etwa, trotz anderslautender Werbekampagnen, immer noch 96% des Geschäftsvolumens von BP aus Öl und fossilem Gas.

Die Fesseln der Vergangenheit: Warum der Ausstieg aus der fossilen Energie so schwerfällt

Obwohl die Notwendigkeit des Ausstiegs wissenschaftlich unbestritten ist, vollzieht er sich quälend langsam. Der Grund dafür ist eine gewaltige systemische Trägheit. Über Jahrzehnte wurden Billionen in die Infrastruktur für die Gewinnung, den Transport und die Nutzung fossiler Energien investiert: Kraftwerke, Pipelines, Raffinerien, Tankstellennetze, Verbrennungsmotoren. Diese langlebigen Investitionen erzeugen starke „Lock-in“-Effekte. Wer ein neues Gaskraftwerk baut, plant dessen Betrieb für die nächsten 30 bis 40 Jahre und schafft damit Fakten, die den Umstieg auf Erneuerbare blockieren.

Diese ökonomische Trägheit wird durch soziale und politische Faktoren verstärkt. Ganze Regionen, wie die Lausitz oder das Rheinische Revier in Deutschland, haben ihre Identität und ihren Wohlstand auf dem Kohlebergbau aufgebaut. Der Strukturwandel ist hier nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine tiefgreifende soziale und kulturelle Herausforderung, die Ängste vor Arbeitsplatzverlusten und Identitätskrisen schürt und einen Nährboden für politische Polarisierung bietet.

Fallstudie: Der Strukturwandel in deutschen Kohleregionen

Die Transformation der deutschen Kohleregionen ist ein Paradebeispiel für die Komplexität des Ausstiegs. Trotz milliardenschwerer Förderprogramme zur Schaffung neuer Arbeitsplätze und Wirtschaftsstrukturen ist der Prozess mit enormen Hürden verbunden. Laut dem Statistischen Bundesamt hängen Tausende von Arbeitsplätzen direkt oder indirekt an der Kohle. Der Wandel erfordert nicht nur neue Industrien, sondern auch massive Umschulungsprogramme und eine soziale Abfederung, um gesellschaftliche Verwerfungen zu vermeiden und die Akzeptanz für die Energiewende zu sichern.

Zwar konnte Deutschland seine Treibhausgasemissionen seit 1990 deutlich senken, doch ein großer Teil dieser Reduktionen stammt aus den einfacheren Maßnahmen und der Deindustrialisierung in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung. Die verbleibenden Emissionen sind hartnäckiger, da sie tief in den Strukturen von Industrie, Verkehr und Gebäuden verankert sind. Der Fortschritt verlangsamt sich, weil wir nun an das „Eingemachte“ müssen: an die fundamentalen Strukturen unseres Wirtschafts- und Lebensmodells.

Aktionsplan zur Überwindung fossiler Fesseln

  1. Kontaktpunkte identifizieren: Alle Bereiche auflisten, in denen direkt oder indirekt fossile Energie verbraucht wird (z.B. Heizung, Transport, Strommix, Lieferketten).
  2. Bestandsaufnahme der Abhängigkeiten: Bestehende Verträge, Anlagen und Infrastrukturen inventarisieren (z.B. Alter der Gasheizung, Leasingverträge für Firmenwagen).
  3. Kohärenzprüfung: Die identifizierten Abhängigkeiten mit persönlichen oder unternehmerischen Nachhaltigkeitszielen abgleichen und Widersprüche klar benennen.
  4. „Lock-in“-Effekte bewerten: Analysieren, wo die größten und langfristigsten Fesseln bestehen (z.B. eine kürzlich getätigte Investition in eine fossile Technologie).
  5. Integrationsplan für den Ausstieg: Konkrete Prioritäten für den Ersatz oder Umbau festlegen, von kurzfristig realisierbaren Zielen bis zu langfristigen strategischen Investitionen.

Der unsichtbare Feind: Die verheerenden Gesundheitsfolgen der Luftverschmutzung durch fossile Energien

Während die Klimakrise oft als globale und langfristige Bedrohung wahrgenommen wird, hat die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas eine sehr direkte, lokale und unmittelbare Konsequenz: massive Luftverschmutzung. Feinstaub (insbesondere PM2,5), Stickoxide und Schwefeldioxid sind unsichtbare Nebenprodukte, die wir täglich einatmen. Diese Schadstoffe dringen tief in die Lunge und den Blutkreislauf ein und verursachen eine ganze Reihe von schweren Erkrankungen, von Asthma und chronischer Bronchitis über Herz-Kreislauf-Probleme bis hin zu Schlaganfällen und Lungenkrebs.

Die Dimension dieses Problems ist erschütternd. Allein in Deutschland ist die Belastung enorm. Die Europäische Umweltagentur kommt zu dem Schluss, dass die Feinstaubbelastung in Deutschland jährlich für rund 66.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich ist. Das sind Menschen, die heute sterben, nicht in einer fernen Zukunft. Diese Tragödie findet im Stillen statt, abseits der großen klimapolitischen Debatten, und trifft vor allem die Schwächsten der Gesellschaft: Kinder, ältere Menschen und Personen mit Vorerkrankungen, die oft in der Nähe von Hauptverkehrsstraßen oder Industrieanlagen leben.

Mikroskopische Darstellung von Feinstaubpartikeln und deren Eindringen in die Lunge

Die Belastung lässt sich auch in „verlorenen gesunden Lebensjahren“ messen. Das Umweltbundesamt beziffert die allein durch die Feinstaubpartikel PM2,5 verursachte Krankheitslast in Deutschland für das Jahr 2021 auf schätzungsweise 232.900 verlorene gesunde Lebensjahre (DALYs). Dies ist ein gewaltiger volkswirtschaftlicher Schaden und eine immense Belastung für unser Gesundheitssystem. Der Ausstieg aus fossilen Energien ist somit nicht nur Klima- und Geopolitik, sondern auch eine der wirksamsten Maßnahmen der öffentlichen Gesundheitsvorsorge, die wir ergreifen können.

Die Erdgas-Lüge: Warum die vermeintlich „saubere“ Brückentechnologie eine gefährliche Sackgasse ist

Im Kampf um die öffentliche Meinung hat die fossile Lobby eine besonders erfolgreiche Erzählung etabliert: die von Erdgas als „sauberer Brückentechnologie“. Das Argument lautet, Gas sei emissionsärmer als Kohle und könne daher als Übergangslösung dienen, bis erneuerbare Energien vollständig verfügbar sind. Diese Darstellung ist jedoch eine gefährliche Halbwahrheit, die den Blick auf das Gesamtbild verstellt. Denn wie Greenpeace aufzeigt, ist Gas für 22% der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich und damit ein massiver Klimatreiber.

Das zentrale Problem ist Methan (CH4), der Hauptbestandteil von Erdgas. Bei der Förderung, dem Transport und der Lagerung von Gas entweicht ständig Methan in die Atmosphäre – die sogenannten „Methan-Lecks“. Dieses Gas ist ein weitaus potenteres Treibhausgas als CO2. Die Behauptung, Gas sei eine „saubere“ Alternative, ignoriert diesen entscheidenden Faktor fast vollständig.

Dem Weltklimarat (IPCC) zufolge verursacht Methan in den ersten zwanzig Jahren nach seiner Freisetzung einen rund 87 Mal stärkeren negativen Effekt auf das Klima als CO2.

– Weltklimarat IPCC, zitiert nach ClientEarth

Die Strategie, auf Gas als Brücke zu setzen, führt zu massiven „Lock-in“-Effekten. Der Bau neuer Gaspipelines wie Nord Stream 2 oder die Errichtung von LNG-Terminals an den deutschen Küsten sind milliardenschwere Investitionen in eine Infrastruktur, die auf Jahrzehnte ausgelegt ist. Diese Infrastruktur schafft eine neue Abhängigkeit und macht es wirtschaftlich und politisch ungleich schwerer, den finalen Schritt zu 100% erneuerbaren Energien zu gehen. Anstatt eine Brücke in die Zukunft zu bauen, zementiert diese Politik die fossile Gegenwart und verzögert die eigentliche Transformation.

Die neue Seidenstraße: Chinas globaler Masterplan und was er für den Rest der Welt bedeutet

Während der Westen über den Ausstieg aus fossilen Energien debattiert, verfolgt China mit seiner „Belt and Road Initiative“ (BRI), oft als neue Seidenstraße bezeichnet, einen globalen Masterplan, der die geopolitischen und energetischen Realitäten des 21. Jahrhunderts maßgeblich prägt. Vordergründig geht es um den Bau von Infrastruktur wie Häfen, Eisenbahnlinien und Kraftwerken, um Handelswege zu erschließen. Doch im Kern ist die BRI ein Instrument zur Ausweitung des chinesischen Einflusses und zur Sicherung von Ressourcen und Märkten.

Dabei spielt China eine paradoxe Doppelrolle in der globalen Energielandschaft. Auf der einen Seite ist das Land der weltweit größte Investor in erneuerbare Energien und ein führender Produzent von Solarpanelen und Batterien. Auf der anderen Seite finanziert und baut es im Rahmen der BRI Hunderte von Kohlekraftwerken in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dieses Vorgehen schafft für viele Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika neue, langfristige fossile Abhängigkeiten – diesmal nicht vom Westen oder von Russland, sondern von China.

Fallstudie: Chinas Doppelrolle in der globalen Energiewende

Eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) beleuchtet diese widersprüchliche Strategie. Während Peking im eigenen Land versucht, die Luftverschmutzung zu reduzieren und technologisch führend bei grünen Technologien zu werden, exportiert es veraltete und klimaschädliche Kohletechnologie in andere Teile der Welt. Damit sichert sich China nicht nur den Absatz für seine Bau- und Energiekonzerne, sondern schafft auch politische Abhängigkeiten bei den Empfängerländern, die auf chinesische Technologie und Finanzierung angewiesen sind. Dies untergräbt die globalen Klimaziele und zementiert die Nutzung von Kohle für weitere Jahrzehnte.

Für Europa und Deutschland bedeutet dies eine neue strategische Herausforderung. Die Abhängigkeit von russischem Gas könnte durch eine Abhängigkeit von chinesischer „grüner“ Technologie (Solarpanele, Batterien, seltene Erden) ersetzt werden. Gleichzeitig konkurriert man mit einem Akteur, der die globalen Spielregeln zu seinen Gunsten neu schreibt und dabei klimapolitische Ziele seinen geopolitischen Interessen unterordnet. Die Energiewende ist somit auch ein Wettlauf um die technologische und politische Vormachtstellung im 21. Jahrhundert.

CO2-Steuer oder Emissionshandel: Welches politische Instrument dem Klima am meisten hilft

Um die systemische Trägheit zu durchbrechen, braucht es wirksame politische Instrumente, die der Emission von Treibhausgasen einen Preis geben. Die beiden prominentesten Modelle in der Debatte sind die CO2-Steuer und der Emissionshandel (ETS). Beide zielen darauf ab, fossile Energien zu verteuern und so Anreize für Einsparungen und den Umstieg auf klimafreundliche Alternativen zu schaffen. Doch sie funktionieren nach unterschiedlichen Prinzipien und haben verschiedene Stärken und Schwächen.

Die CO2-Steuer ist ein Festpreis-Modell: Der Staat legt einen festen Preis pro Tonne ausgestoßenem CO2 fest, der dann auf Kraft- und Brennstoffe wie Benzin, Diesel oder Heizöl aufgeschlagen wird. Ihr großer Vorteil ist die Planbarkeit und Einfachheit. Unternehmen und Bürger wissen genau, was die Emissionen kosten. Der EU-Emissionshandel (EU-ETS) hingegen ist ein Mengen-Modell: Es wird eine Obergrenze (ein „Cap“) für die Gesamtemissionen in bestimmten Sektoren (vor allem Energie und Industrie) festgelegt. Die Unternehmen müssen für ihre Emissionen Zertifikate kaufen, deren Preis sich am Markt durch Angebot und Nachfrage bildet. Der Vorteil hier ist die garantierte Einhaltung des Emissionsziels.

Die folgende Tabelle fasst die wesentlichen Unterschiede zusammen und stützt sich auf die Logik der vom Umweltbundesamt bereitgestellten Klimadaten.

Vergleich CO2-Steuer vs. EU-Emissionshandel (EU-ETS)
Kriterium CO2-Steuer EU-Emissionshandel (EU-ETS)
Preissicherheit Fester Preis pro Tonne CO2 Variabler Marktpreis
Mengensteuerung Indirekt über Preissignal Direkte Mengenbegrenzung (Cap)
Abdeckung Alle Sektoren möglich (z.B. Verkehr & Wärme) Bislang v.a. Energie & Industrie
Verwaltungsaufwand Relativ niedrig Hoch
Soziale Ausgleichsmöglichkeit Einfach über Klimageld/Rückverteilung Komplexer

Lange Zeit galt der EU-ETS als zahnloser Tiger, da zu viele kostenlose Zertifikate im Umlauf waren und der Preis zu niedrig war. In den letzten Jahren wurde das System jedoch verschärft und der Preis ist deutlich gestiegen, was seine Lenkungswirkung erhöht hat. In Deutschland ergänzt eine CO2-Steuer (über den nationalen Emissionshandel für Verkehr und Wärme) den EU-ETS. Die entscheidende Frage für die Wirksamkeit beider Instrumente ist die Höhe des Preises bzw. die Schärfe der Mengenbegrenzung. Angesichts der Tatsache, dass die Gesamtemissionen in Deutschland 2023 immer noch bei rund 674 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten lagen, ist klar, dass die bisherigen Anreize nicht ausreichen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fossile Energie ist die Ursache für fast 90% der globalen CO2-Emissionen und treibt die Erderhitzung direkt an.
  • Unsere Abhängigkeit ist nicht nur technisch, sondern tief in Geopolitik, Wirtschaft und Infrastruktur verankert (fossile DNA).
  • Der Ausstieg ist ein Kampf gegen enorme systemische Trägheit und erfordert radikale politische Instrumente wie einen wirksamen CO2-Preis.

Das globale Geld-Netzwerk: Wer die Fäden der Weltwirtschaft wirklich in der Hand hält

Die letzte und vielleicht mächtigste Fessel, die uns an das fossile Zeitalter kettet, ist das globale Finanzsystem. Jedes neue Kohlekraftwerk, jede Ölbohrung und jede Gaspipeline benötigt riesige Summen an Kapital. Dieses Kapital stammt von Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und privaten Investoren, die weiterhin Milliarden in die fossile Industrie pumpen. Solange es profitabel ist, in die Zerstörung des Klimas zu investieren, wird es auch getan. Das Geld-Netzwerk agiert als globaler Brandbeschleuniger für die Klimakrise.

Selbst Staaten, die sich öffentlich zum Klimaschutz bekennen, agieren oft widersprüchlich. So auch Deutschland, das international zwar als Vorreiter der Energiewende gilt, dessen finanzielle Praktiken aber ein anderes Bild zeichnen.

Auch wenn die Bundesrepublik zu den wichtigsten internationalen Finanzierern erneuerbarer Energien zählt, lässt sie in Partnerländern weiterhin mehr öffentliche Mittel in fossile Projekte fließen als in erneuerbare Energien.

– Stiftung Wissenschaft und Politik, Die globale Abkehr von fossiler Energie

Doch genau hier liegt auch ein entscheidender Hebel für den Wandel: die „Divestment“-Bewegung. Die Idee ist einfach: Wenn das Geld der Motor des fossilen Systems ist, muss man ihm den Treibstoff entziehen. Die Bewegung ruft institutionelle und private Anleger dazu auf, ihre Gelder aus Kohle-, Öl- und Gasunternehmen abzuziehen und stattdessen in zukunftsfähige, klimafreundliche Technologien zu investieren. Was als Nischenbewegung begann, hat sich zu einer globalen Kraft entwickelt.

Fallstudie: Die globale Divestment-Bewegung

Die Bewegung zeigt weltweit und auch in Deutschland Erfolge. Immer mehr Städte, Universitäten, Kirchen und sogar große Pensionsfonds verpflichten sich zum Divestment. Ein Meilenstein war die Ankündigung der Stadt New York, ihre milliardenschweren öffentlichen Pensionsfonds vollständig aus fossilen Unternehmen abzuziehen und gleichzeitig Ölkonzerne wegen ihrer Rolle in der Klimakrise zu verklagen. Diese Aktionen senden ein starkes Signal an die Finanzmärkte: Das Geschäftsmodell der fossilen Industrie ist nicht zukunftsfähig und birgt immense finanzielle Risiken.

Der Kampf gegen die fossile Fessel wird letztlich nicht nur durch Technologie oder Politik, sondern durch die Umlenkung der globalen Finanzströme entschieden. Jeder Einzelne, jede Institution und jede Regierung muss sich der Frage stellen, wessen Zukunft ihr Geld finanziert: die des fossilen Gestern oder die eines lebenswerten Morgen.

Geschrieben von Lukas Meyer, Lukas Meyer ist ein Wissenschaftsjournalist mit 10 Jahren Erfahrung, der sich darauf spezialisiert hat, komplexe Zusammenhänge aus Ökologie, Technologie und Energiewirtschaft verständlich aufzubereiten.